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Der Weg zum BKM

Berufskolleg Mitte der Stadt Essen

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45127 Essen 

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Was sind Dialoggruppen?

Die RAA/Büro für Interkulturelle Arbeit führt in Kooperation mit dem Jugendamt der Stadt Essen seit 2007 das Projekt „Interkultureller Dialog zur Aktivierung und Partizipation von Jugendlichen in der Einwanderungsgesellschaft" an verschieden Schulen, Moscheen und Jugendeinrichtungen durch.

Seit Februar 2013 werden am Berufskolleg Mitte zwei Dialoggruppen im Rahmen des Wahlpflichtunterrichts angeboten.

 

Bei diesem Projekt geht es darum bei Jugendlichen unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägung ein Bewusstsein für Demokratie und politische Mitwirkung zu schaffen oder zu stärken. Dies geschieht unter der Anleitung pädagogisch geschulter Dialogmoderatoren. In wöchentlichen Gruppensitzungen lernen die Jugendlichen durch den Dialog basisdemokratische Kompetenzen kennen und nutzen. Sie üben, die Meinung des Anderen auszuhalten, auch wenn sie diese nicht teilen und lernen gegenseitigen Respekt, indem sie einander zuhören und ausreden lassen. In einfachen Gesprächen, aber auch in Konfliktsituationen wird den Jugendlichen beigebracht auf sachlicher Ebene eine argumentationsreiche Auseinandersetzung auszutragen. Der Erwerb und die Anwendung dieser Sozialkompetenzen als Schlüsselqualifikation bilden die Grundlage dafür, dass die Jugendlichen kontroverse Themen kommunizieren können und reflektieren lernen.

Die Idee des Dialogs

Im Vordergrund des Dialogs stehen Erkenntnisse über das eigene Denken und Handeln. Sie erlauben, dass sich jeder Teilnehmende entwickelt. Anstelle des Anspruchs, andere verändern oder ihr Denken und Handeln analysieren und bewerten zu wollen, tritt eine Haltung, die eine radikale Annahme Anderer mit ihrem Anderssein voraussetzt. Im dialogischen Gespräch stehen daher das Verstehenwollen und die Wertschätzung des Andersseins im Vordergrund. Diese Haltung soll eine Kultur des Miteinanderdenkens fördern. Nur so ist es möglich Gedankenmuster zur reflektieren, um im Denkprozess weiterzukommen. Eine Gruppe kann durch ihre geballte Aufmerksamkeit dabei unglaubliches Potenzial freisetzen, um im Denken neue Wege zu gehen und neue Möglichkeiten zu entdecken.

Da hat jemand vor(n)gedacht...

Schon vom griechischen Philosophen Sokrates ist bekannt, dass er tiefsinnige Gespräche mit fremden Menschen auf öffentlichen Plätzen und Straßen führte. In gewisser Weise kann dies bereits als eine Vorform des dialogischen Gesprächs betrachtet werden, von dem hier die Rede ist. Mit viel Ironie pflegte er Fragen zu stellen, die das eigentliche Sein von Lebewesen berührten. Eine besondere Herangehensweise war dabei stets die Beschäftigung mit einem bestimmten Thema über einen längeren Zeitraum.

Genau diese Fähigkeit spielt im Dialog eine entscheidende Rolle. Die Philosophie des Dialogs basiert darauf, sich Zeit zu nehmen, um bei einem Thema oder einer Frage zu verweilen, sodass sich ein Raum für das Erkunden von Hintergründen, tieferliegenden Beweggründen und unbeachteten Aspekten eröffnet – und das Gespräch damit zu der Weisheit führen kann, die jedem einzelnen Menschen innewohnt.

Geprägt und weiterentwickelt wurde dieses Dialogverständnis von dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) und später vom Quantenphysiker David Bohm (1917-1992). Buber unterscheidet eine „echte Begegnung", die durch Dialog erreicht werden kann, von einer „Vergegnung", ein Zusammenkommen, das nur formal nach einer Begegnung aussieht. Bohm machte die Erfahrung, dass im Gruppendialog – vor allem durch das Ergründen und Hinterfragen gewohnter Gedankenprozesse und Interpretationsmuster – ein gänzlich neuer Sinn und neue Bedeutungen entdeckt oder aus dem Moment heraus geschaffen werden können.

Wer Dialog macht, muss nicht alt aussehen

Das Format der Dialoggruppen basiert auf einem subjektorientierten Bildungsverständnis und verbindet die klassische Methode der Gruppenarbeit in der Sozialen Arbeit bzw. der Jugendarbeit mit dem Konzept des Dialogs. Im schulischen Kontext bilden sie eine „didaktische Schnittstelle" zwischen den beiden pädagogischen Teilsystemen der Jugendhilfe und der Schule. Sie könnten damit eine Brückenfunktion in der Entwicklung ganzheitlicher Bildungsräume übernehmen. Erst in der Verbindung unterschiedlicher Bildungsorte und Lernwelten sowie differenzierter Kompetenzbereiche und Weltbezüge (vergl. 12. Kinder- und Jugendbericht 2005) realisiert sich die zeitgemäße Form der Bildung.

Vor diesem Hintergrund könnte die Form der Dialoggruppe durch ihre spezifische Verbindung von informellem, non-formalem und formellem Lernen im Rahmen der offenen und gebundenen Form der Ganztagsschule, aber auch außerhalb von Schulen in Kooperation von Jugendhilfe und Schule neue Bildungsräume schaffen. Diese Räume würden gleichzeitig ein breiteres Verständnis von politischer Bildung verkörpern.

Zusammensetzung der Dialoggruppen

Das Erwerben der zehn Kernfähigkeiten erfolgt in den Jugendgruppen in einem längeren Prozess von bis zu drei Jahren. Das Projekt richtet sich an alle interessierten Jugendlichen ab dem 14. Lebensjahr. Eine Dialoggruppe wird von 8 bis 12 Jugendlichen besucht und kommt einmal wöchentlich für zwei Stunden unter der „Anleitung" dem/der sogenannten Dialogbegleiter/in zusammen, einer über einen Zeitraum von 12 Monaten ausgebildeten Honorarkraft. Zusätzlich begleitet und dokumentiert ein/eine Beobachter/in den Prozess und stellt die Protokolle wöchentlich dem Team aller Dialogbegleiter zur Verfügung. In regelmäßigen Auswertungstreffen tauscht sich das Team miteinander aus. Die Mehrheit der Begleiter/innen hat einen Migrationshintergrund. Das ist keine Voraussetzung für die Arbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder für den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses. Manchmal jedoch kann es durchaus hilfreich sein, beispielsweise, wenn Jugendliche Vorbilder suchen, die mit ähnlicher Migrationsgeschichte erfolgreich im Bildungssystem oder Berufsleben angekommen sind. Innerhalb der bisher sechsjährigen Projektlaufzeit haben über 250 Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren regelmäßig über jeweils drei Jahre hinweg an den Dialoggruppen teilgenommen.

Wie sieht eine Dialogsitzung aus?

Begonnen wird die rund 90-minütige Dialogsitzung mit einem kleinen Imbiss, den die beiden Dialogbegleiter zuvor mit einigen Jugendlichen vorbereitet haben. Diese Vorbereitungszeit ermöglicht bereits erste lockere Gespräche mit Jugendlichen, die freiwillig mithelfen wollen. Besonders wichtig ist dieser erste Kontakt in der Gründungsphase der Gruppe, weil zurückhaltende Jugendliche hier leichter aus sich heraus kommen.

Der anschließende fünf bis zehn-minütige Imbiss im Stuhlkreis erlaubt einen ungezwungenen Einstieg in die Sitzung. Hier dürfen Pausengespräche weitergeführt werden und Dialogbegleiter einfach nur Gruppenteilnehmer sein.

Während sie anfangs verstärkt eine moderierende Aufgabe zur Strukturierung des Gruppengesprächs übernehmen, sollen sie mit der Zeit zu teilnehmenden Begleitern der Gruppenprozesse werden. Den Jugendlichen geben sie kein Thema, aber eine Sitzungsstruktur vor, die im Vergleich zum offenen Gesprächsgeschehen und -inhalt Orientierung und Sicherheit bieten kann.

Begonnen wird mit einer Befindlichkeitsrunde. Diese ermöglicht jedem Gruppenteilnehmer – besonders auch unsicheren oder schüchternen Jugendlichen – als Teil der Gruppe sichtbar zu werden. Alle kommen nacheinander zu Wort und haben die Möglichkeit, darüber zu berichten, wie sie ihr Wochenende verbracht haben und wie es ihnen derzeit geht. Anschließend folgt eine „News"-Runde. Hier wird die Frage in den Raum gestellt, was es an neuen Nachrichten in der Gruppe gibt. Das können sowohl persönliche oder schulbezogene Neuigkeiten sein, aber auch Gesellschaftspolitisches, das über verschiedene öffentliche Medien das eigene Interesse geweckt hat, wie zum Beispiel Religion, Drogen, Zukunft oder Naturkatastrophen, Wahlen oder Stars.

Die Dialogbegleiter helfen beim Prozess der Themenfindung für das folgende Gruppengespräch. Sie fassen die Themen kurz zusammen, die in den Befindlichkeits- und Newsrunden hervorgebracht wurden. Wenn sich daraus noch kein Gesprächsanreiz ergibt, stellen sie Fragen, die zum gemeinsamen Nachdenken über ein Thema anregen sollen. Im Dialog kann es geschehen, dass sich das Ausgangsthema entwickelt oder verändert, weil es die Jugendlichen zu anderen Fragestellungen oder Überlegungen angeregt hat. An den Begleitern liegt es, das Gesprächstempo zu verlangsamen und an geeigneter Stelle auf die Dialogfähigkeiten aufmerksam zu machen, die anhand einer Gesprächssituation geübt werden können (z.B. Erkunden, Suspendieren, produktiv Plädieren etc.).

Für den Fall, dass kein gemeinsames Thema gefunden wird, haben die Dialogbegleiter stets ein Thema vorbereitet. Das kann eine Fragestellung sein und / oder eine Übung zu einer Dialogkernfähigkeit. Für verschiedene gruppendynamische Zwecke halten sie außer Warm-Ups und Konzentrationsübungen andere pädagogische Spiele bereit. Beendet wird die Dialogsitzung mit einer Feedback-Runde. Die Jugendlichen können hier eine kurze Rückmeldung zum Sitzungsthema, zum Gesprächsverlauf oder an die Gruppe geben und so ihre Art des Umgangs miteinander reflektieren und bewusst beeinflussen.

 

 Aus der nds März 2015: